Geheimgesellschaften

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Geheimgesellschaften gab und gibt es viele verschiedene und bei all den Unterschieden erkennt man doch Gemeinsamkeiten. Elemente von Kirchen, Sekten und Geheimdiensten sind in unterschiedlich starkem Mischungsverhältnis vorhanden und diese Zusammensetzung ist auch innerhalb einer einzelnen Geheimgesellschaft auf den diversen Hierarchieebenen unterschiedlich ausgeprägt.

Wie Geheimgesellschaften konstruiert sind

Am populären Beispiel der Freimaurer bedeutet das, dass der Großteil der Logen hauptsächlich wie eine exklusive Kirche mit Zugangsbeschränkungen funktioniert, manche geheimdienstliche Elemente praktiziert und leichte Sektenmechanismen benutzt werden. Freimaurerlogen gaben sich ein christliches und später auch universelleres, aufklärerisches Image, wobei sie definitiv unchristliche bzw. vorchristliche Elemente wie zum Beispiel aus uralten Mysterienreligionen verwendeten. Ausgangspunkt der modernen Freimaurerei war trotz der Eigenwerbung mit "aufklärerischen" Slogans die Britische Krone und das Kolonialreich. Kabbalistische Zahlenmystik, altägyptische Symbole und die Suche nach „Licht“ sind nicht kompatibel zum Christentum, werden aber trotzdem auch in den einfachen Logen praktiziert. Der Freimaurer geht regelmäßig zu Logentreffen, so wie jemand anderes in die Kirche geht, lernt dort über Moralvorstellungen und den Kosmos, nimmt an Ritualen teil und pflegt Beziehungen zu seinen Ordensbrüdern. Ein System der Grade, die erworben werden müssen, die Selbstbeweihräucherung der exklusiven Bruderschaft und die Abwertung von Nichtmitgliedern sind mehr oder minder subtil verwendete, klassische Sektentechniken. Die Geheimniskrämerei mit Codewörtern, Schweigeverpflichtungen, Racheandrohungen für Verräter, verschlüsselten Texten sowie der Überwachung der Mitglieder, inwiefern diese Regeln eingehalten werden, erinnert an grundlegende Techniken eines Geheimdienstes.

Mythen und enttäuschende Fakten

Es ist sinnlos und kontraproduktiv, mit Falschinformationen und Mythen aus der gewöhnlichen Verschwörungsliteratur zu versuchen, die Freimaurer zu attackieren, weil solche Angriffe nur Eindruck bei denjenigen schinden, die ohnehin schon zu dem Verschwörungspublikum zählen. Skandale in der Führung von Siemens bedeuten auch nicht, dass jeder Siemens-Angestellter nun unter Generalverdacht steht. Der Schwindler Léo Taxil fabrizierte eine Menge Fälschungen über Satanismus bei den Freimaurern und verseuchte damit auch die folgenden Jahrhunderte der Verschwörungsliteratur. Untersuchungen gehören in die Hände von Profis und man kann von vorneherein davon ausgehen, dass von echtem Satanismus praktisch niemals schriftliches oder anderweitiges Beweismaterial einfach so durchsickern würde.

Zähneknirschend müssen Freimauer natürlich bestimmte Skandale aus der Vergangenheit zugeben, wie das korrupte P2-Netzwerk oder historische Morde an Verrätern, die ans Tageslicht kamen. Natürlich wird meistens gleichzeitig erwähnt, dass die P2 keine „reguläre“ Loge gewesen war, und dass ja schließlich auch keine Sippenhaft gilt für Millionen Freimaurer, nur weil einzelne davon Verbrechen begehen. Es brauchte jedoch nicht viel, um problematischere Formen des Freimaurertums zu schaffen, denn dazu mussten nur die ohnehin schon vorhandenen Sektenmechanismen und geheimdienstlichen Elemente hochgefahren werden: Gnostizismus ist die Vorstellung, dass man durch Rituale und Geheimwissen außergewöhnliche und sogar übermenschliche Kräfte entwickeln kann. Die Jagd nach immer höheren Graden und immer weiteren scheinbaren Geheimnissen kostet den Freimaurer oberhalb des gewöhnlichen Drei-Grade-Systems nicht nur viel Geld und Zeit, sondern bindet ihn immer stärker an die Organisation und beeinflusst ihn in seinem Denken und Handeln bis hin zum Fanatismus.

Die ganze Sache wurde entworfen, um möglichst spannend und geheimnisvoll zu wirken, ohne dass tatsächlich jemals bahnbrechende Geheimnisse offenbart werden. Hier ist ein Vergleich: Läden für Zauberkünstler packten alte Restbestände aus ihrer Ware in verzierte Schachteln und verkauften so die Katze im Sack. Solange die Kunden über den Inhalt rätselten, war Spannung geboten. Die Schachtel zu öffnen und das Geheimnis wirklich zu lüften, bringt nur eine Enttäuschung. Nach diesem Prinzip arbeiten auch die Schreiber von Romanen und Drehbüchern, wenn sie dem Publikum alle möglichen Mysterien anbieten, die nie oder möglichst spät aufgelöst werden. Die Freimaurer nutzen schlicht psychologische Hebel und die Verschwörungsliteratur war bisher zu wenig rational und nüchtern, um diese Sachverhalte wirklich akkurat darzustellen. Im Internetzeitalter konnte jeder sich Publikationen durchlesen von führenden Freimaurern wie Manly Palmer Hall und entdecken, welche abstrusen Inhalte in den Logen zelebriert wurden. Halls Buch mit dem Titel “THE SECRET TEACHINGS OF ALL AGES, AN ENCYCLOPEDIC OUTLINE OF MASON-IC, HERMETIC, QABBALISTIC AND ROSICRUCIAN SYMBOLICAL PHILOSOPHY Be-ing an Interpretation of the Secret Teachings concealed within the Rituals, Allegories, and Mysteries of all Ages” ist das Paradebeispiel. Die Unterwanderung der Gesellschaft durch Ordensbrüder bietet mit Hilfe der geheimdienstlichen Techniken die Möglichkeit zu Korruption und politischer Manipulation. Es ist dabei egal, ob solche Freimaurer dabei primär die Macht der Organisation oder ihre persönliche Macht vergrößern wollen.

Britisches Kolonialreich

2015 gelangten Mitgliederlisten aus Großbritannien an die Öffentlichkeit mit zwei Millionen Namen, darunter fünf Könige, der Duke of Kent, Winston Churchill, Lord Kitchener, der Duke of Wellington (siehe auch das Kapitel zum Zweiten Weltkrieg), Sir Alexander Fleming und Oscar Wilde. Zeitgenossen hatten im 19. und 18. Jahrhundert durchgehend angemerkt, dass fast jeder von Bedeutung irgendeiner geheimen Gesellschaft angehörte. Der Freimaurer und Wissenschaftler John Robison, der mit seinem Buch „Proofs of a Conspiracy“ die moderne Verschwörungsliteratur begründete, demonstrierte aber sehr deutlich, wie viel Streit und Konkurrenzkampf und Misstrauen vorherrsch-ten in den Logen. Er attackierte Weißhaupts bayerischen Illuminatenorden und diverse französische und deutsche Freimaurerlogen aufs Schärfste, verbreitete aber gleichzeitig eine schwärmerische und naive Sichtweise auf die britische Maurerei. Auch der Vatikan wurde immer wieder zu recht beschuldigt, die Freimaurer zu infiltrieren und katholische Inhalte bzw. Tempelritter-Mystik dort einfließen zu lassen. Die abgedrehten Logen, die es mit dem Okkultismus heillos übertrieben, betrachteten die braven Drei-Grade-Logen als langweilige Spießer und unerleuchtete „Treppenbrüder“, die nur außerhalb des symbolischen Tempels auf den drei Treppenstufen vor dem Eingang sitzen.

Knigge über Geheimgesellschaften

Der adelige Clan Hessen-Kassel, der eng mit dem britischen Thron verbunden war, förderte die Karriere von Baron Knigge, dem zweitwichtigsten Mitglied des bayerischen Illuminatenordens. Weishaupt selbst flüchtete aus Bayern nach Sachsen-Gotha-Altenburg, das ebenfalls verbunden war mit dem britischen Thron. 1771 machte Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel den jungen Knigge zum Hofjunker und Assessor der Kriegs- und Domänenkammer zu Kassel. Die zweite Ehefrau des Landgrafen soll Knigge sogar eine Ehefrau vermittelt haben. Auch nach seiner Illuminatenzeit wurden ihm Jobs zugeschanzt, wie etwa der Posten eines Oberhauptmanns der großbritannisch-hannoverschen Regierung. In seinem berühmten Buch „Über den Umgang mit Menschen“ schrieb er enttäuscht über Geheimgesellschaften:

"Ich habe mich lange genug mit diesen Dingen beschäftigt, um aus Erfahrung reden und jeden jungen Mann, dem seine Zeit lieb ist, abraten zu können, sich in irgendeine geheime Gesellschaft, sie möge Namen haben, wie sie wolle, aufnehmen zu lassen. Sie sind alle, freilich nicht im gleichen Grade, aber doch alle ohne Unterschied zugleich unnütz und gefährlich. Unnütz sind sie zuerst, weil man in unserm Zeitalter keine Art von wichtigem Unterrichte in Geheimnisse einzuhüllen braucht. Die christliche Religion ist so klar und befriedigend, daß sie nicht wie die Volksreligionen der alten Heiden einer geheimen Auslegung, einer doppelten Lehrart bedarf, und in den Wissenschaften werden die neuesten Entdeckungen zum Wohl der Welt öffentlich bekanntgemacht, müssen und sollen öffentlich bekanntgemacht werden, damit sie jeder Sachverständige prüfen und bewahrheiten könne. […] Unnütz sind solche Verbindungen ferner von seiten ihrer Wirksamkeit, weil sie mehrenteils sich mit elenden Kleinigkeiten und abgeschmackten Zeremonien beschäftigen, eine Bildersprache reden, die alle mögliche Auslegung leidet, nach schlecht durchgedachten Plänen handeln, unvorsichtig in der Wahl ihrer Mitglieder sind, folglich bald ausarten, und wenn sie auch anfangs in ihrer Einrichtung Vorzüge vor öffentlichen Gesellschaften haben könnten, nachher dieselben und noch mehr solcher Gebrechen bei ihnen einreißen, über die man in der Welt klagt. […] Wohltätigkeit bedarf keiner mysteriösen Hülle; Freundschaft muß auf freier Wahl beruhn und Geselligkeit braucht nicht durch geheime Wege befördert zu werden. Allein diese geheimen Verbindungen sind auch schädlich für die Welt. Schädlich, weil alles, was im Verborgnen geschieht, mit Recht in Verdacht gezogen werden kann; weil die Vorsteher der bürgerlichen Gesellschaft die Befugnis haben, von dem Zwecke jeder Tätigkeit, zu welcher sich mehre-re vereinigen, sich unterrichten[392] zu lassen; weil sonst unter dem Schleier der Verborgenheit ebensowohl gefährliche Pläne und schädliche Lehren als edle Absichten und weise Kenntnisse versteckt sein können; weil selbst nicht alle Mitglieder von solchen verderblichen Absichten, die man zuweilen hinter der schönsten Außenseite zu verhüllen pflegt, unterrichtet sind; weil nur mittelmäßige Genies sich in diesen Schraubstock einzwängen lassen, die bessern hingegen entweder bald zurücktreten oder zugrunde gehen, ausarten und eine schiefe Richtung bekommen oder auf Unkosten der andern herrschen; weil mehrenteils unbekannte Obern im Hinterhalte stehen und es eines verständigen Mannes unwert ist, nach einem Plane zu arbeiten, den er nicht übersieht, für dessen Wichtigkeit und Güte ihm Leute einstehen – die er nicht kennt, denen er sich verbindlich machen muß, ohne daß sie sich ihm verbindlich machen, ohne daß er weiß, an wen er sich zu halten hat, wenn man ihm dafür gar nichts leistet; weil schiefe Köpfe und Schurken sich dies zunutze machen, sich zu unbekannten Obern aufwerfen und die übrigen Mitglieder zu ihren Privatabsichten mißbrauchen; weil jeder Erdensohn Leidenschaften hat und diese Leidenschaften also mit in die Gesellschaft bringt, wo sie dann im Schatten unter der Maske der Verborgenheit freiern Spielraum haben als am Tageslichte; weil alle diese Verbindungen durch nach und nach einschleichende üble Wahl der Mit-glieder dahin ausarten; weil sie Geld und Zeit kosten; weil sie von ernst-haften bürgerlichen Geschäften ab zum Müßiggange oder zu zweckloser Geschäftigkeit leiten; weil sie bald der Sammelplatz von Abenteurern und Tagedieben werden; weil sie allerlei Gattung von politischer, religiöser und philosophischer Schwärmerei begünstigen; weil mönchischer esprit de corps bei ihnen einreißt und viel Unheil stiftet; endlich weil sie Gelegenheit zu Kabalen, Zwist, Verfolgung, Intoleranz und Ungerechtigkeit gegen gute Männer geben, die keine Mitglieder eines solchen oder wenigstens nicht desselben Ordens sind. […] Laß Dich aber durchaus nicht darauf ein, unbekannten Obern zu huldigen, möchte man auch noch so einleuchtend scheinende Gründe dafür anführen. Sei vorsichtig in jedem Worte, das Du in Ordensgeschäften schreibst, und noch mehr in Übernehmung irgendeiner eidlichen oder andern Verbindlichkeit. Fordre Rechenschaft von Anwendung der Gelder, die man Dich bezahlen läßt."