Russische Langzeitstrategie

Aus Recentr Academy
Wechseln zu: Navigation, Suche

Legacy-banner-buckets-768x90-animated.gif

Als russische bzw. sowjetische Langzeitstrategie bezeichnet man langfristige geheime Pläne der russischen und chinesischen Kommunisten, die von mehreren Überläufern in wesentlichen Details verraten wurden. Mit diesen Plänen soll der Westen unterwandert und letztendlich durch einen Angriff geschlagen werden.

Die Überläufer

Im Kalten Krieg und auch in der Zeit danach gab es eine Reihe ranghoher Überläufer aus der Sowjetunion bzw. Russland, die verschiedene Motivationen hatten zum Verrat, darunter ideologische Enttäuschung, die Bezahlung, Rache oder auch moralische Überzeugung. Diese Individuen hatten natürlich Einiges zu erzählen, wie etwa die Identitäten wichtiger Sowjet-Agenten im Westen, oder dass die höchsten Kreise des kommunistischen Machtapparats tatsächlich aggressiv die absolute Weltherrschaft anstrebten, und schließlich, dass für einen angestrebten Umbau des Ostblocks der „Fall des Kommunismus“ miteingeplant war. Eigentlich müssten die heutigen Bücher, die sich kritisch mit Russland auseinandersetzen, besonders den Überläufern aus dem Kalten Krieg sehr viel Aufmerksamkeit widmen. Das Gegenteil ist aber der Fall, sie werden meist totgeschwiegen oder marginalisiert, denn das Wissen der Überläufer reicht so weit, dass es für westliche Machtzirkel äußerst unangenehm ist.

Ein Agent der Sowjetunion plante normalerweise sein Überlaufen sehr gründlich, da bekanntermaßen westliche Strukturen infiltriert und kompromittiert waren. In aller Regel suchte man sich eine amerikanische oder britische Botschaft die „sauber“ war und fragte dort nach jemandem aus der Sicherheitsabteilung. Eine Vorabprüfung zeigte, wieviel Material von welcher Qualität der Überläufer liefern konnte und darauf folgte ein Schleusen der Person in den Westen und eine ausführliche Befragung, die sich auch Monate hinziehen konnte. Immerzu bestand die Gefahr, dass der Überläufer seine Bedeutung und Kenntnisse übertrieb oder in Wirklichkeit einen Spionageauftrag Moskaus ausführte und einen Mix präsentierte aus Fakten und Desinformation. Außerdem wollte die hohe Politik im Westen vermeiden, dass die engen Handelsbeziehungen mit der Sowjetunion und damit das gesamte bizarre Wesen des kalten Krieges ans Licht kamen. So geschah es dann, dass wichtige Überläufer sich nicht ernst genommen fühlten.

Der Top-Überläufer Golitsyn löste in der CIA eine ergebnislose Hexenjagd nach einem ranghohen Maulwurf aus, ruinierte die Karrie-ren vieler wahrscheinlich sauberer Experten über die Sowjetunion und zerstörte die Glaubwürdigkeit fast aller Überläufer, die nach ihm kamen. Andererseits führten seine Informationen zu der Enttarnung legendärer Sowjetspione wie Heinz Felfe, Kim Philby und Anthony Blunt. War Moskau wirklich bereit, die großen Agenten zu opfern, um über Golitsyn den Amerikanern Desinformation andrehen zu können? Die berüchtigten Cambridge Five (Philby, MacLean, Bur-gess, Blunt und vermutlich Cairncross) versorgten fleißig die Sowjet-union. Stalin misstraute ihren Informationen jahrelang und hielt sie für Doppelagenten.

Golitsyn beschuldigte auch den linken britischen Premierminister Harold Wilson, was heute gemeinhin als typisch-paranoide Ver-schwörungstheorie bezeichnet wird, vielleicht aber doch nicht kom-plett aus der Luft gegriffen war. Der KGB hatte bewiesen, dass er Agenten an die britischen Eliteuniversitäten bringen und von dort aus in den Staatsapparat manövrieren konnte. Auch wenn die Wahr-scheinlichkeit eher gering ist, dass der KGB Wilson als Agenten führte, so scheint dieser doch zumindest eigene Gesprächskanäle mit dem Osten gehabt zu haben. Ähnlich geriet die Ikone der deutschen SPD, der inzwischen verstorbene Egon Bahr, mehrfach in den Ver-dacht, weil er eine vertrauliche Beziehung mit Ostkontakten hatte. Seine Memoiren sparen die schlimmen Aspekte der Sowjetunion eher aus und in den letzten Jahren seines Lebens suchte er neue Kontakte zu Wladimir Putin.

Henry Kissinger, das Urgestein der amerikanischen Politik, wurde belastet vom Überläufer Michel Goleniewski, dessen Informationen u.a. den sowjetischen Top-Spion George Blake enttarnten. Kissinger war einst in der Spionageabwehr der US Army eingeteilt und soll angeblich massenhaft Dokumente an die Sowjets weitergereicht haben. Selbst wenn er dies wirklich getan hätte, wüssten wir immer noch nicht, ob es eventuell Teil einer amerikanischen Mission war. Immerhin wurde er später zum Mann hinter dem US-Präsidenten und ließ Bomben-Kampagnen gegen Kommunisten entwerfen. Gleichzeitig öffneten Kissingers Freunde wie die Rockefellers und andere Business-Dynastien die westlichen Märkte für den Ostblock. Kissinger wurde zu einem vehementen Verfechter der Idee, China zum Teil einer Neuen Weltordnung zu machen. In elitären Meetings wie den Bilderberg-Konferenzen stand Kissinger neben den Indust-riegiganten, die fleißig Handel betrieben mit der Sowjetunion. Dies zeigt, dass man die Schilderungen der großen Überläufer weder als Unsinn abtun, noch ohne Kontext betrachten sollte.

Vieles spricht dafür, dass der fünfte Mann des berühmten sowjeti-schen Spionagerings „Cambridge Five“ nicht Cairncross gewesen war, sondern Nathaniel Mayer Victor Rothschild. Er studierte eben-falls am Trinity College in Cambridge und verhielt sich wie ein Play-boy, fuhr Bugatti und sammelte Kunst. Genau wie Blunt und Burgess wurde er Mitglied der marxistischen Geheimgesellschaft Cambridge Apostles. In dem Zirkel lernte er auch Kim Philby kennen, den “Su-per-Spion”. Irgendwann teilte Victor Rothschild, ein Baron, sich sogar eine Wohnung mit Burgess und Blunt.

Während dem zweiten Weltkrieg wurde Rothschild rekrutiert für den britischen Geheimdienst MI5 und galt als Türöffner für den sowjeti-schen Spionagering. Nach dem Ende der Sowjetunion beteuerten sechs KGB-Colonels in Moskau, darunter der Führungsoffizier des Spionagerings, dass Victor tatsächlich der fünfte Mann gewesen sei.

“Er hatte die Kontakte,”

erklärte Colonel Juri Modin.

“Er konnte Burgess, Blunt und andere Typen den wichtigen Figuren in den Geheimdiensten vorstellen, wie Stewart Menzies, Dick White und Robert Vansittart im Außenminis-terium, der den MI6 kontrollierte.”

Victor Rothschild arbeitete später als Berater für Margaret Thatcher in Sicherheitsfragen. Letztendlich wurde er doch leitender Vorsitzender der Familienbank. War er wirklich ein gewöhnlicher Ost-Spion? Oder infiltrierte er umgekehrt die Sowjetspione? Manche konservativen Kreise in den USA stürzten sich auf die Ent-hüllungen der Überläufer und konzentrierten sich hauptsächlich auf die Aggressivität der UdSSR, die Fortführung der aggressiven Pläne nach dem offiziellen Ende der Sowjetunion und die Infiltration des Westens durch Ost-Spione, ohne dabei das Ausmaß der Handelsbe-ziehungen zu realisieren. Die Russenpropaganda attackierte natürlich vehement die Überläufer und deren veröffentlichte Bücher. Bedeu-tend sind u.a. die Werke von Anatoliy Golitsyn, Tomas Schumann, Jan Sejna, Ion Mihai Pacepa und Wassili Nikititsch Mitrochin. Diese Werke zeigen, dass die Bedrohung durch kommunistische Infiltration durchaus ernst war und nicht nur rechte Paranoia. Außerdem wider-sprechen die Informationen fundamental den Verharmlosungen über den Ostblock nach dem Ende des Kommunismus.

Dennoch sollte man die Bücher der Überläufer nicht fehlinterpretieren als eine pauschale Bestätigung für das Treiben von westlichen Regierungen, Geheimdiensten und Konzernen. Jemand wie Golitsyn hatte hohe Erwartungen an westliche Behörden und Politiker, die natürlich enttäuscht wurden. Er widmete sein Buch „Perestroika Deception“ dem Chef der Spionageabwehr-Abteilung der CIA, James Jesus Angleton, weil jener die Gefahren der sowjetischen Strategie besonders gut erkannt hätte. Angletons bester Freund im britischen Nachrichtendienst war ausge-rechnet der legendäre Sowjetspion Kim Philby, weshalb auch viele CIA-Operationen zu bombastischen Fehlschlägen wurden. Zwar kann man Angleton nicht unbedingt das Versagen der britischen Spionageabwehr anlasten, dennoch teilte er auch nach Jahren voller zahlloser Desaster weiterhin wichtige Informationen mit Philby und soff erhebliche Mengen an Alkohol, auch während der Arbeit. Er sabotierte sogar die Arbeit des Kommunistenjägers und Senators Joseph McCarthy, um zu verhindern, dass die peinliche Performance der CIA ans Licht gelangte. In einer abschließenden Beurteilung kam er überhaupt nicht gut davon, es war die Rede von einem außer Kontrolle geratenen Denken und unsinnigen Theorien über eine kommunistische Super-Verschwörung. Interessanterweise sprechen spätere Publikationen tatsächlich von einer ungeheuren Qualität der subversiven kommunistischen Netzwerke. Dennoch wurden ihm Paranoia und Brunnenvergiftung vorgeworfen, weshalb irgendwann nur noch Richard Helms Geduld mit ihm hatte. Irgendwie hatte er schon recht mit der kommunistischen Super-Verschwörung, aber er suchte am falschen Ort. Er hätte an den Großkonzernen ansetzen müssen und den elitären Familien, die Amerika beherrschen, nur hätte er dazu niemals die Macht besessen. Letztendlich feuerte CIA-Direktor William Colby den „Verschwörungstheoretiker“ Angleton. Die Überläufer gerieten in Vergessenheit.

Torsten Mann

Torsten Mann ist einer der besten Kenner der Langzeitstratgie. In "Am Vorabend der Weltrevolution" schrieb er dazu:

Mitte der 1950er Jahre, das heißt zu Beginn der kommunistischen Langzeitstrategie, war Rotchina ein von Revolu-tion und Bürgerkrieg zerrüttetes Land auf dem Entwicklungsniveau der Dritten Welt. Um die Rückständigkeit Rot-chinas zu überwinden, aber auch um die technologische Isolation des kommunistischen Blocks insgesamt zu durchbrechen, sollte das inszenierte Zerwürfnis zwischen Moskau und Peking dem Westen vortäuschen, durch ausreichend wirtschaftliche und technologische Unterstützung ließe sich Rotchina dauerhaft als ein strategisches Gegengewicht gegen die Sowjetunion aufbauen. KGB-Überläufer Anatoliy Golitsyn wies jedoch schon frühzeitig darauf hin, dass in Wirklichkeit mit einer baldigen offiziellen Versöhnung zwischen Moskau und Peking zu rechnen sei, sobald sich das Kräfteverhältnis zwischen Ost und West zugunsten des kommunistischen Lagers verschoben hätte. Auf die sogenannte »Scherenstrategie« einer inszenierten Rivalität zwischen Moskau und Peking würde dann die Strategie der »geballten Faust« folgen, und dann würde die westliche Welt mit einem vereinten kommunistischen Lager konfrontiert werden.

Details über die rotchinesische Seite dieser »Scherenstrategie« wurden durch mehrere Überläufer aus dem Reich der Mitte enthüllt. Diesen Berichten zufolge initiierte Mao Tse Tung schon im Jahr 1955 eine langfristige Täuschungskampagne, deren ausdrückliches Ziel es war, die USA als führende Weltmacht innerhalb eines Jahrhunderts zu überholen und in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht eine kommunistische Neue Weltordnung zu errichten. Zu diesem Zweck bemühte sich die rotchinesische Führung seit jener Zeit, dem Westen weiszumachen, dass Rotchina keine regionale oder sogar globale Vorherrschaft anstrebe und durch Wirtschaftshilfen auf einen demokratischen und friedlichen Kurs gebracht werden könne. Auf diese Täuschung fiel zu Beginn der 1970er Jahre besonders der von Henry Kissinger so schlecht beratene US-Präsident Richard Nixon herein, der damit den Weg ebnete für ein beispielloses strategisches Versagen, das von den westlichen Verantwortungsträgern in Politik und Wirtschaft seither ununterbrochen fortgesetzt wird.

Und so wurde Rotchina im Verlauf der Jahrzehnte nicht nur mit Finanzhilfen unterstützt ohne substanzielle marktwirtschaftliche Reformen durchführen zu müssen – was zur Folge hat, dass die Wirtschaft des Landes bis heute weitgehend von der kommunistischen Führung kontrolliert wird –, sondern es setzte auch ein beispielloser Technologietransfer ein, der von der westlichen Industrie durch Investitionen und Produktionsverlagerungen zunehmend mitgetragen wurde, bis hin zu direkten Waffenlieferungen durch die US-Regierung, die schon in den 1980er Jahren einen US-Dollar-Gegenwert in Milliardenhöhe erreichten.

Wie Golitsyn im Jahr 1984 vorwegnahm, würde eine zukünftig offiziell zelebrierte Versöhnung zwischen Mos-kau und Peking die Überzeugung der kommunistischen Strategen anzeigen, dass das Kräftegleichgewicht sich offenkundig und irreversibel zu ihren Gunsten verlagert habe, woraufhin den USA keine andere Wahl mehr bliebe, als auf die überwältigende Übermacht des vereinten kommunistischen Lagers mit politischen Zugeständnissen zu reagieren. Dann würde der Osten Druck aufbauen, um den Westen in eine internationale Konvergenz bzw. zum Aufbau einer Weltregierung zu kommunistischen Bedingungen zu zwingen, zu denen laut Golitsyn auch ausdrück-lich der innenpolitische Kampf gegen authentische konservative und rechte Positionen gehört. Wie der tschechoslowakische General Jan Sejna bestätigte, sah die kommunistische Langzeitstrategie zu diesem Zeitpunkt ausdrücklich eine Wiederbelebung des Wettrüstens vor, das zur militärischen Überlegenheit des Ostblocks führen würde, der sich die USA beugen müssten.